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Mittwoch, 29. Februar 2012

Über den Schutz des Urhebers in der Kunst

(I) Einleitung
Angetrieben von der Lektüre des Buches "Little Brother" von Cory Doctorow und einigen persönlichen Diskussionen habe ich beschlossen, mich, auch vor dem Hintergrund der schwelenden ACTA-Debatte, einmal dediziert und differenziert mit dem Urheberschutz [1] auseinanderzusetzen. Ich werde mich im Folgenden auf den Privatbereich und den dortigen Umgang mit geistigen künstlerischen Werken beschränken.
ACTA zielt an dieser Stelle offenkundig darauf ab, den Urheberschutz durch Verhinderung von Kopien ohne entsprechende finanzielle Gegenleistung sicherzustellen. Um nun, unabhängig vom detaillierten Vorgehen, untersuchen zu können, wie das Fundament eines gangbaren Weg in Mitten der Debatte sich gestalten könnte, muss man Zweckfragen stellen.
Die zwei zentralen Fragestellungen scheinen nun zu lauten: Warum braucht es Urheberschutz für künstlerische Werke? Warum kopiert man? Es erscheint mir nötig, die erste Frage auf einen noch erheblich allgemeineren Fragenkomplex zurückzuführen [2]: Warum schreibt man? Warum malt man? Warum komponiert man? Warum schafft man Kunst? Erst wenn die Intention des Künstlers [3] (II) aufgeschlüsselt ist, kann klar werden, wozu ein Urheberschutz dienen soll (III). Anschließend kann man sich der Intention des Kopierenden zuwenden, und sie mit jener des Schaffenden vergleichen.
Ich weise an dieser Stelle nochmals auf die schon in der Fußnote [2] angeklungene Einschränkung hin.

(II) Warum also schafft man Kunst?
Ich favorisiere zur Beantwortung dieser Frage ein Modell mit vier Ebenen. Der Kundige wird in meiner Weise, auf das Thema einzugehen, Anklänge aus Sartres Buch "Was ist Literatur?" erkennen können. Alle weiteren Thesen und Argumente extrahiere ich aus meinem künstlerischen Selbstgefühl und versehe sie mit einer rationalen Unterfütterung. Ich erhebe daher keinesfalls den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, sondern möchte das hier vorgebrachte Konzept lediglich als einen Vorschlag verstanden wissen, der der Ergänzung bedarf.
Auf der nullten Ebene findet sich das Welterleben des Individuums und die in Verbindung mit der Möglichkeit des Geistes, auf die Welt vermittels von Werkzeugen [4] dergestalt einzuwirken, dass sich eine Form von Dingen ergibt, aus der ein anderer Geist wiederum einen Sinn ableiten kann, entstehende Notwendigkeit, seine Gefühle und Ansichten formhaft werden zu lassen. Diese Notwendigkeit, gewissermaßen ein innerer Zwang zur Kunst, besteht beileibe nicht bei allen Menschen, ich glaube jedoch, dass viele von uns einmal jenen Drang verspürt haben werden; gewiss besonders wenn sie mit der wunderbaren Welt des künstlerischen Ausdrucks in Berührung gekommen sind. Ich setze diese individuelle Notwendigkeit auf die nullte Ebene, da ich mich mit der Intention des Künstler befassen möchte, welche erst aus jenem Drang hervorzugehen vermag.
Auf der ersten Ebene liegt nun das Gefallen am Schaffensprozess selbst. Gerade wer das oftmals gewaltige Projekt angeht, ein Gemälde zu malen, eine Zeichnung anzufertigen, einen Roman zu schreiben oder ein Album zu komponieren bzw. zu interpretieren findet nicht aus bloßer Anweisung zu dieser Tätigkeit, sondern sie muss ihm auch ungemeines Vergnügen bereiten. Ich kann nur von mir selbst sprechen: Die einsame Tätigkeit des Schreibens vollzieht sich, insbesondere bei der Prosa, nur dann zufriedenstellend, wenn nicht jeder Gedanke zum Ziel vorauseilt und bereits den Erfolg vor sich hat, sondern wenn das Verweilen im Wort des Augenblicks schon erfreut, wenn der Prozess des Sich-Versenkens in fiktionalen Welten eine gewaltige Anziehungskraft ausübt. Man könnte diese erste Ebene in gewisser Weise auch als "l'art pour l'art" verstehen.
Auf der zweiten Ebene folgt ein Kommunikationsbedürfnis des Geschaffenen. Wenn auch viele nur "für die Schublade schreiben" oder zum Zwecke der Erinnerung und Entwicklung den künstlerischen Ausdruck wagen, so tragen doch die allermeisten Kunstwerke den unzweifelhaften Wunsch in sich, perzipiert und rezipiert zu werden. Der Künstler richtet sich mit seinem Werk nicht nur an ihm bekannte Personen, darunter im Falle der Selbstreflexion er selbst, sondern auch an einen ihm unbekannten Personenkreis, den Sartre das "virtuelle Publikum" nannte. Folgend erfährt der Leser, auf welchen sich Sartre fokussiert seiner Meinung nach eine Vereinigung mit dem in den Worten vorhandenen Geist des Autors und seiner Zeit über den Angelpunkt des Buches. Ich bin der Auffassung, dass sich diese Idee der Vereinigung auch auf alle anderen Formen der Kunst [5] übertragen lässt [6]. Der Künstler richtet sich also mit seinem Werk an die Welt.
Folglich besitzen insbesondere die Formen der Kunst, denen eine komplexe Bedeutung immanent ist [7] und die aus dem Welterleben des Künstlers resultieren, einen Bezug zur Situation oder zu einer Teilsituation der Welt und des Menschen; somit den Anspruch, über diese Zeugnis abzulegen oder sie sogar zu verändern. Jene dritte Ebene ist mit der zweiten logischerweise eng verzahnt. Zwischen dem Anspruch, Zeugnis abzulegen und dem, zu ändern muss differenziert werden. Denn bereits schon simples Liebesgedicht legt Zeugnis ab, wohingegen die Intention der Veränderung nicht zwangsläufig vorliegen muss. Beliebtestes Beispiel jener Intention ist die Anprangerung der sozialen und politischen Verhältnisse, aber es finden sich Exempel zu allem, was irgendwie auch nur im entferntesten einen Bezug zur Menschheit aufweist. Warum aber, so könnte man jetzt nach einer wissenschaftlichen, unzweideutigen Sprache verlangend fragen, schreibt man dann nicht einfach ein Sachbuch, welches dem Verstande viel zugänglichere Analysen ermöglicht?
Ich sehe hier zwei wesentliche Gegenargumente. Zum einen, aus zweckorientierter Sicht, vermag die Erweckung von Emotion den wie auch immer gearteten Gehalt stärker oder anders zum Ausdruck zu bringen, zum anderen ist im auf der zweiten Ebene angesprochenen Wunsch nach Perzeption und Rezeption auch das Verlangen nach ästhetischer und emotionale Wirkung enthalten.

Bemerkenswerterweise kam, und das bin ich bestrebt zu zeigen, das Wort "Geld" im gesamten Modell bislang noch gar nicht vor. Das primäre Interesse des Künstlers kann, ja seine zuvorderste Intention darf nicht finanzieller Natur sein, andernfalls leiden alle von mir geschilderten Aspekte im erheblichen Maße. Ich wage sogar die radikale These [8]: Alle Kunst wird profan, wenn sie dem Gelde wegen entsteht. Freilich weiß ich, dass selbst dem weltfernsten Künstler monetäre Aspekte nicht gänzlich abgehen werden, ich bin mir sogar sicher, dass ein Teilbereich der Intention, bestimmte Projekte zu beginnen, stets finanzieller Art sein wird. Es geht mir also darum, dass sich der Künstler über den Anteil dieser Beweggründe an seiner Gesamtintention bewusst wird, um dann zu entscheiden, inwieweit er dies gutheißt.

Diese Überlegungen bringen uns bereits zur zentralen Frage: Wozu dient der Urheberschutz? Wenn der Hauptzweck der Kunst nicht ist, dem Schaffenden Geld zu erwirtschaften, sondern die tatsächliche Intention sich in die oben beschriebenen vier Ebenen aufgliedert, so wird offenkundig, was ein Urheberschutz primär leisten muss: Die Ermöglichung von Lebensumständen, in welchen die Künstler finanziell und sozial gesichert (weiter) schaffen können [9]. Erst ein Nebeneffekt des Urheberschutzes, da es sich bei dem Künstler um einen skalierbaren Beruf [10] handelt, ist das Verdienen am Gefallen der Rezipienten. Dass die einen mit ihren Büchern Milliardär werden können, während andere vollkommen unabhängig von der subjektiv wahrgenommenen Qualität ihrer Werke sich mit einem Hungerlohn abfinden müssen, ist ein mit der kapitalistischen Gesellschaft verschmiedetes Grundproblem, welches ich hier weder beheben noch behandeln will und kann. Stattdessen möchte ich meine Aufmerksamkeit auf das grundlegende Recht des Künstlers, mit seinen Werken Geld zu verdienen lenken. In einer das Eigentum erlaubenden Gesellschaftsordnung halte ich es nämlich für unabdingbar, dass der Künstler für sein Werk vom Konsument entlohnt werden kann, so er dies verlangt. Gleichzeitig muss aber jeglichem Bürger eine Art "Einsichtsrecht", vermittels öffentlicher Bibliotheken, zugestanden werden [11]. Logischerweise folgt aus dem Recht auf Bezahlung ein Verbot, sich ein Werk dergestalt zunutze zu machen, dass man daran verdient oder durch es Vorteile erlangt, ohne es geschaffen zu haben. Konkret heißt dies: Niemand darf, so der Schaffende dies nicht explizit erlaubt hat, ein Werk unter anderem Namen verkaufen, ohne es geschaffen zu haben.
Daraus folgt, dass ich Modellen wie Megaupload entschieden widerspreche, da dort der Geldfluss den vollkommen falschen zuläuft. Ebenso halte ich es für falsch, dass die Content-Industrie übermäßige Anteile des Kaufpreises von reproduzieren Kunstwerken einzieht. Ihre Leistung besteht nur in der Verbreitung und Herstellung der Kopie, in einigen Fällen auch des Managements des Künsters; dafür darf sie zwar Geld verlangen, nicht aber mit derart unmäßigen Profitmargen.
Andere Lohnmodelle, bei denen die Beziehung zwischen Konsument (der ein kaufender Rezipient und Perzipient ist) und Künster direkter ist, wären aus meiner Sicht vorzuziehen.

Wenden wir uns folgend der schon angeschnittenen zweiten Leitfrage zu.

(III) Warum kopiert man?
Unter dem Sammelbegriff des Kopierens verstehe ich hier: sich ein Kunstwerk, bei welchem dies nicht explizit vorgesehen ist, verschaffen. Ich will an dieser Stelle also nicht eine allgemeine Abhandlung über die Kopie verfassen, sondern nur die Intentionen derjenigen, die sich der "Piraterie" schuldig machen, untersuchen [12]. Hier meine ich, drei zentrale Gruppen der Intention für die illegale Verschaffung ausmachen zu können. Diese werde ich auch aus Sicht von Künster und Content-Industrie beleuchten:
a) Geldgründe. Kino.to rechtfertigte sich meines Wissens nach mit dem Argument der unangemessenen Medienpreise und des Konsumwunsches derer, die sich jene nicht leisten können, was ich angesichts der Profite für die Besitzer für eine Farce vonseiten derselbigen halte. Die Motivation der Konsumenten selbst ist dagegen umfassend verständlich, und, wenn auch nicht rechtlich, so doch moralisch legitim. Diese Kategorie wird für die Industrie nichtsdestotrotz unerreichbar, weil nicht profitabel, bleiben und fortwährend die Kopie oder den kostenlosen Zugang vorziehen. Hier könnte man lediglich ein Bewusstsein für die Arbeit des Künstlers schaffen, oder es verstärken.
b) Notorisches Ignorieren des Urheberschutzes oder andere ideologische Gründe. Auch diese Kategorie, in welche ich keinesfalls solche einsortiere, die es ablehnen den ungemein reichen Firmen weiter Geld in den Rachen zu werfen, bleibt für die Industrie unzugänglich. Zu denen die es, mit welcher Rechtfertigung auch immer, grundsätzlich, ablehnen Geld für Kunst zu zahlen, später unter dem Stichwort "kategorischer Imperativ" und im Update mehr.
c) Mangelnde Attraktivität der vorliegenden Modelle. Diese Gruppe, zu welcher sich wie mir scheint sehr viele Menschen rechnen, gilt es zu gewinnen. Die Industrie ist um jeden Preis angehalten zureichende und zeitgemäße Angebote zu schaffen [13]. Wie diese nun gestaltet sein mögen, ist ein weiterer Aspekt, um den ich zu debattieren bitte.
Mir bleibt nur noch zu verlangen, dass die Künstler und ihrer Intention den ihnen gebührenden fundamentalen Platz erhalten.

Zum Schluss noch eine oben angekündigte Anmerkung zum kategorischen Imperativ: Ich fordere, dass jeder einzelne, welcher Kunst oder sonstigen Content nicht "legal" bezieht, über die Maxime seines Willens im Klaren ist und sie kritisch reflektiert. Man muss also fragen: "Weshalb kaufe ich nicht? Welche Folgen zieht dies nach sich?", um dann zu einem differenzierten Urteil zu gelangen, an dessen Ende hoffentlich eine Zuordnung zur Kategorie c) steht.

Update: Beispielhaft für die Forderung der vollständigen Abschaffung des Urheberrechts ist der Tweet jenes ominösen Accounts. So simpel und pauschal kann man die Angelegenheit nicht sehen. Ich glaube schlichtweg nicht daran, dass sich aus reiner Vernunft oder aus emotionalen Gründen genug Menschen einfinden, die allen Künstlern ausreichende finanzielle Unterfütterung ermöglichen, auch wenn diese Absicht sehr lobenswert und zu fördern ist. Und weiterhin erscheint das mit der vollständigen Abschaffung des Urheberrechts einhergehende Verbot, selbst über die Verwendung seiner Werke zu bestimmten, sehr ungerechtfertigt, es sei denn, es ist auch verunmöglicht, mit gedanklichen Leistungen unter Verfälschung der Herkunft auf irgendeine Weise Geld zu verdienen. Die so oft chinesischen Unternehmern zugeschobene Absicht, mit der Kopie oder Weiterentwicklung fremder Ideen der Allgemeinheit zu nutze sein zu wollen, halte ich dabei für völlig realitätsfern.


Fußnoten:
[1] Ich bevorzuge diesen Begriff hier, da ich ausdrücklich nicht die konkrete rechtliche, sondern nur die prinzipielle Seite beleuchten will.
[2] Es handelt sich hier, aus meiner Sicht, um einen Essay oder zumindest einen freieren Aufsatz, in welchem ich meine persönliche Meinung darzustellen suche. Ich glaube darum, dass in jeder Hinsicht gewaltige und von Geistesgrößen studierte Themenfeld trotzdem begehen zu können. Sollten sich in mir unbekannter Literatur meiner Sicht widersprechende, oder gar sie ergänzende Texte finden, so bitte ich um Mitteilung; ich werde diese mit Freude lesen und bedenken.
[3] Ich verwende im gesamten Essay das generische Maskulinum "Künstler", um den Lesefluss nicht allzu sehr zu beeinträchtigen, was ich beileibe nicht für die Ideallösung halte. Wem dies missfällt, der möge mich benachrichtigen, und ich werde eine Änderung anstreben.
[4] Zu diesem Thema gibt es ein von langer Hand vorbereitetes Essay meinerseits, welches hoffentlich in einiger Zeit veröffentlicht wird.
[5] Ich werde gerade der Tatsache gewahr, dass ich die Computerspiele hier noch gar nicht erwähnt habe. Ich zähle sie selbstverständlich zur Kunst dazu und werde ihnen, aufgrund der Aktualität des Themas, ein separates Essay widmen.
[6] Im Falle der Instrumentalmusik, welcher Sartre ganz die bedeutungsvolle Ausdrucksweise abspricht, ist die Angelegenheit zwar komplizierter; ich meine aber dennoch, dass in Komposition und emotionaler Wirkung eines Werkes außerordentlich viele Bedeutungen liegen können.
[7] Man kann darüber streiten, welche dies nun sein mögen; ich münze diesen Terminus auf das geschriebene und gesungene Wort, das gemalte oder gezeichnete Bild, die plastische Kunst und das programmierte Spiel.
[8] Martin Haase (maha) empfahl im wunderbaren CRE 190 über Rhetorik, in einer Rede stets, gegen Ende, einen prägnanten, twitterbaren Satz unterzubringen. Ich versuche dem schon hier gerecht zu werden.
[9] Welche das genau sein mögen, obliegt der Meinung des Lesenden. Zumindest aber über denen, die der Hartz IV Satz ermöglicht.
[10] Dieser Begriff entstammt dem erleuchtenden Buch "Der Schwarze Schwan" von Nassim N. Taleb und bedeutet: Ein Beruf, in dem tatsächliche Leistung und Verdienst durch Reproduzierbarkeit des Geschaffenen nicht korrelieren.
[11] Bibliotheken können verständlicherweise nicht alle Werke kaufen. Wo man die Grenze ziehen soll, bzw. wie bei nicht online zur Verfügung gestellten Werken dieses Recht zu realisieren wäre, weiß ich noch nicht.
[12] Ich beabsichtige aber, in näherer Zeit Walter Benjamins "Das Kunstwerk in der Zeit seiner technischen Reproduzierbarkeit" zu lesen. Vielleicht werde ich mich dann noch einmal näher mit der Kopie auseinandersetzen. Doctorows Argument, die Kopie sei eine seit Urzeiten alltägliche Form des Informationsflusses, halte ich für vollkommen valide. Ich verlange daher, insbesondere bei Sachbüchern und wissenschaftlichen Periodika, eine Einsichtsmöglichkeit in öffentlichen Bibliotheken sicherzustellen. Im unter [5] angeschnittenen Essay wird es auch zu Teilen um die Kopie und die Reproduzierbarkeit gehen.
[13] Ein hier rezensierter und leider nicht online verfügbarer Text von Thomas Fischermann in der ZEIT gelangt zum gleichen Ergebnis. Auch die TAZ veröffentlichte heute einen in die selbe Richtung stoßenden Artikel.

Dienstag, 10. Januar 2012

Schatten in der Zunkunft

Wer sich derlei Dokumentationen über den grausamen Coltanabbau im Kongo ansieht oder bloß die Wikipediaartikel zur Thematik "Ölreserven" und "Peak-Oil" liest, wer daraufhin ein wenig ins Nachdenken gerät, der mag zur Meinung gelangen, dass all unsere Zivilisation und gerade unsere aus dem Leben der ersten Welt kaum noch wegzudenkenden Computer letzendlich auf finiten Ressourcen basieren. Wenn also eine Einsicht in die Endlichkeit und den möglichen Verzicht gewährt wird, dann kann dies, und so ist es bei mir der Fall, zu zweierlei Stimmungen führen. Einerseits, eine geradezu erschreckend zukunftsunsichere, sich an die persönliche Gegenwart klammernde tendenziell depressive Verstimmung, andererseits eine maßlose Wut über die von Gier und momentfokussiertem Denken bestimmten Entscheidungen der Wirtschaft und Politik. Das von Axel Honneth beschworene "Band des Fortschritts" in der Geschichte könnte abrupt und mit gewaltiger Brutalität abreißen, wenn wir feststellen, dass jahrelang keine Vorsorgen für den Moment, in dem die industrielle Zivilisation ihren Scheitelpunkt findet, getroffen wurden. Letztendlich ist klar, wie unhaltbar besonders in technischer Hinsicht unsere Lebenswelt langfristig sein muss, letztendlich ist klar, dass wir irgendwann den Bürgern der dritten Welt erläutern werden müssen, weshalb sie nicht mehr in den Genuss bestimmter Konsumgüter kommen können, ohne den Planeten für die Menschheit vollkommen zu zerstören.

Wie aber wollen wir mit einer Zukunft, in der ein Sturm sondergleichen heraufziehen könnte, umgehen? Mit einem gnadenlosen Optimismus, darauf beharrend das entweder unerkannte Vorräte nutzbar gemacht werden können, die einen Scheitelpunkt der Zivilisation in ferne Zeiten verschieben, oder mit einer treibenden Furcht, die uns zum Protest und zu Vorbereitungen auf ein nachindustrielles Leben führt? Mit einer zweigespaltenen Lebensweise, die sich zumindest ihrer Existenz auf Kosten der Zukunft der eigenen Kinder, ihrer Existenz die schon in 30 Jahren radikalem Wandel unterworfen sein kann, bewusst ist? Man antworte mir.

Nach wie vor bin ich, derzeit drittere Variante lebend, der bereits hier zum Ausdruck gebrachten Ansicht, dass sich im Falle eines Falles unser technischer Fortschritt auf die Medizin, Bildung und überhaupt auf die unmittelbare Sicherstellung von Menschenrechten beschränken sollte, was mit ein Ende des grenzenlosen, kapitalbasierten Konsums mit sich brächte. Wie steht der Leser dazu?

Dienstag, 29. November 2011

Vom Glücke und den schönen Dingen

Glück ist eine Empfindung, die sich aus der individuellen Perzeption unseres unmittelbaren Erlebens und dessen folgender Verarbeitung herleitet. Weil aber diese Perzeption so radikal unterschiedlich und so sehr vom Wesens des Wahrnehmenden abhängig ist, gibt es kein "generelles Glück", so wie es auch keine "generelle Schönheit" gibt . Der Vergleich mit der Schönheit zeigt aber dennoch, dass natürlich "Kriterien" existieren, anhand derer wir solcherlei Empfindungen definieren; andernfalls wäre es uns vollkommen unmöglich, darüber überhaupt zu sprechen. Zu denen gehört die Form und Art einer Sache oder eines Ereignisses. Da unter Form auch die "Menge" zu verstehen ist, kann der Reichtum einer Person zu diesen Kriterien gehören. Wer aber niemals reich war, dem fehlt die eigene Perzeption dessen aber vollkommen; dennoch kann er glücklich sein, weil sein selbst aus anderen Kriterien heraus Glück empfindet. Ob Reichtum auch dazugehört, zeigt vielleicht gute Selbstreflexion, mit Sicherheit aber verunmöglicht es der obige Grundsatz ihn generell aus den Kriterien zu verbannen.
Natürlich besteht auch ein Zusammenhang unseres Glückempfindens mit evolutionären Gegebenheiten, grundsätzlich nämlich darin, dass ohne die momentane Konzeption unseres Verstandes, welche sich ja durch die Evolution herausbildete, (wahrscheinlich) kein Glück möglich wäre. Leicht könnte man nun sagen, das Arterhalt eines der angeblich unmöglichen Glückskriterien sein muss. Die Komplexität unseres Verstandes ermöglicht aber auch bewusstes Fernbleiben vom Arterhalt ohne Glücksminderung, wie jeder, der Menschen ohne Kinder kennt, wissen dürfte.
Ein Kriterium was immer gilt findet sich aber trotz alldem: Der Selbsterhalt. Alles was lebt, will naturgegeben nicht sterben. Aus diesem Egoismus heraus entsteht der Trieb zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Da wir (möglicherweise) kein weiteres Glück empfinden können, wenn wir tot sind, bedingt Glück unser Überleben; es ist als "allgemeines Kriterium". Was aber tat dann ein Selbstmörder? Zweierlei könnte ihn vom Glück abgebracht haben, sofern er es nicht im Tod suchte: hirnstoffwechselbedingtes Fehlen von Glücksempfindungen (Depression) oder eine ihm völlig ausweglos scheinende Lebenssituation; eine in der er keinen Weg zum Glück mehr sieht. Die Phänomenologie eines Selbstmörders ist aber vermutlich so komplex, dass er bei der Betrachtung des Lebensglück von einem allgemeinen Standpunkt aus außer Acht gelassen werden kann.

Eine Suche nach Utopien und Dystopien

oder

auf dem Wege sind wir glücklich

Ein Essay

So wie es keinen infinitesimalen Punkt in der Realität gibt, gibt es auch keine Tatsache, keine Daseinsform ohne zwei Seiten, ohne mehrere Aspekte; ja ohne die Möglichkeit einer differenzierten Betrachtung[1].Daraus folgt, dass niemals ein völlig nachteilsfreier gesellschaftlicher Zustand eintreten kann, dass ein Augenblick absoluter persönlicher Freude und Glücks niemals mehr als ein Augenblick werden kann und somit nicht umfassend und auf große Zeiträume ausdehnbar ist[2].
Dieser Zustand der Nachteilsfreiheit ist eine Utopie, sozusagen ihr Inbegriff. Eine Utopie ist meist Stagnation innerhalb eines festgelegten normativen Systems, welches zur gewünschten Nachteilsfreiheit führt[3].
Eine Stagnation aber kann gleichsam Paradies und Hölle sein, und da es im Wesen des Menschen liegt, Aspekte diskursorientiert zu betrachten, d.h. in diesem Beispiel beide Extremata zu sehen, und das jeweils aus persönlicher Perspektive, ist eine Utopie auf Erden unmöglich. Es kann in meinen Augen, und diese These gilt, bis sie jemand durch ein Beispiel widerlegt, gar keinen uneingeschränkt positiven Zustand der Gesellschaft geben, es sei denn, jemand unterdrückt den Vorgang des Erkennens der „Mehrseitigkeit“ im menschlichen Wesen, welches mithin mit einer Utopie unvereinbar ist; denn diese Unterdrückung des Menschseins selbst schafft unweigerlich[4], und dieses zu zeigen ist die von Aldous Huxley in „Brave New World“ vollbrachte Leistung, eine Dystopie. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Paradies, was für Adam und Eva durch den Gewinn der differenzierten Betrachtung, der Erkenntnis, unzugänglich wird. Der Mensch kann sich, so scheint mir die Ansicht der gängigen Exegese zu sein, das Paradies erst vorstellen, es erleben, wenn er von seinen „körperlichen“ Eigenschaften reingewaschen ist.

Das alles bestätigt nun, dass eine Utopie zwangsläufig irreal ist (was ja auch eigentlich dem Wortsinn „Nicht-Ort“ innnewohnt), aber auch niemals real werden kann, da entweder die ihr zugrundegelegten Eigenschaften irreal sind[5], oder aber ihre Umsetzung, ihre Form dem Ziel widerspricht. Wir streben dennoch nach dem Besten, und suchen nach dem Glück. Und jenes streben ist auch nicht ziellos; denn der vielfach unternommene Versuch einer Annäherung an eine Utopie ist möglich, sie zu erreichen jedoch nicht, gleich einer mathematischen Funktion, die niemals zum Limes gelangen wird. Die Grenze ist unsere Existenz, die Grenze ist Materie selbst[6].
Diese Annäherung zu leisten, den Limes auf dem unendlichen Diagramm der Ereignisse und Tatsachen des Lebens auszumachen, den Verlauf des Graphen menschlichen Daseins bis dorthin zu entwerfen, darauf aufmerksam zu machen, wenn er sich von der gezogenen Grenze entfernt, die Koeffizienten und Exponenten, die „Kriterien des Glückes“ zu erstreben ist eine der vielen, aber vielleicht die zentralste aller Aufgaben, die den Philosophen in ihrer Liebe zum Denken gestellt ist.[7]

Anmerkung:

Selbstverständlich können und müssen sich die Vorstellungen, die aus dem Befassen mit dieser Aufgabenstellung hervorgehen, unterscheiden. Eine ewige Annäherung an „das Beste“ ist nämlich nahezu gleich der Stagnation, die ich oben ansprach. Sie sollten somit eine Funktionsschar bilden, vielleicht auch nur ein Gleichungssystem[8], wenn ihre Differenzen zu groß sind. Meine Utopie ist, dass wir auf dem Weg sind und sein werden, und niemals am Ziel und dass wir in diskursiver Antizipation der möglichen Zukunft, der „Limessuche“ eine Welt schaffen, in der uns allen wohler ist.

Fußnoten

[1] Dieses Postulat erscheint zwar sehr gewagt (und ist es auch), sagt aber lediglich aus, auf die Schwierigkeit einer absoluten Wahrheitsfindung anspielend, dass jegliche Situation in meinem Leben einer Abwägung unterzogen werden kann. Einen „Nachteil“ gibt es immer. Beispiele, wo dieser nicht existiert erwarte ich gerne.

[2] An seine Stelle kann eine „Lebensversöhntheit“ treten, die Menschen, welche sich selbst als glücklich empfinden, zu eigen ist. Darunter verstehe ich, seine Lebensumstände zu akzeptieren, und damit zukunftsorientiert zu leben. Es gibt kein für alle Menschen gleiches und aus gleichen Umständen folgendes Glück.

[3] Die Parallelen zum „Ende der Geschichte“, welches in den 90ern von konservativen Denkern, insbesondere Francis Fukuyama in Bezug auf die freie Marktwirtschaft mit demokratischem Überbau proklamiert wurde, sind deutlich erkennbar. Hier erklärte man also den theoretischen Status quo der westlichen Welt zur erreichten Utopie, und machte folgend eine Zwangsläufigkeit in der Geschichte aus, die zu dieser führen musste.

[4] Mit der Einschränkung des heutigen Wertekontextes der Menschenrechte.

[5] Wie etwa, meiner Meinung nach, Platons Auffassung über die „Phiolosophenkönige“, der „homo oeconomicus“ als stets umfassend informiertes Wesen und auch der nach bestem Wissen und Gewissen wählende Bürger. Wir begegnen einer Menge solcher Vorstellungen im Alltag, dennoch müssen sie nicht zwangsläufig schädlich sein, wenn man ihre „Utopittät“, ihre utopischen Komponenten zu erkennen vermag.

[6] Um es einmal vage, aber poetisch auszudrücken.

[7] Damit habe ich wohlmöglich die von Kant an die Philosophie gestellten Fragen „Was soll ich hoffen?“, „Was darf ich tun?“ und „Was ist der Mensch?“ hergeleitet ohne es direkt zu beabsichtigen. Von einer Antwort bin ich weit entfernt, auch wenn ihre Notwendigkeit zu jedem Zeitpunkt gegeben ist.

[8] Zur Aufrechterhaltung des mathematischen Bildes